Tipps für ängstliche Hunde
Was tun bei „Wuff“-Bellen und „Stresszunge“?
Angst ist zunächst ein völlig natürliches und auch wichtiges Gefühl – denn es schützt vor Gefahren. Doch warum sind manche Hunde ängstlicher als andere und wie sollte man als Halter reagieren? TIER.TV sprach mit dem bekannten Hundetrainer Uwe Friedrich über ängstliche Hunde.
TIER.TV: Herr Friedrich, ein Hund der Angst hat – das klingt erstmal paradox. Schließlich werden Hunde auch als Wachhunde gehalten oder riskieren als Gebrauchshunde bei gefährlichen Einsätzen sogar ihre Leben...
Uwe Friedrich: Dass Hunde Angst haben, ist gar nicht so selten. Manche sind von sich aus neugieriger und gehen z. B. ganz offen auf neue Situationen zu. Bei anderen Hunden ist dieser Erkundungstrieb nicht so stark ausgeprägt, sie sind generell vorsichtiger und zeigen mehr Skepsis. Das hängt nicht von der Rasse, sondern eher vom einzelnen „Hundecharakter“ ab. Bei Rettungshunden beispielsweise wird die Angst während der Ausbildung wegtrainiert.
TIER.TV: Was jagt den Hunden denn Angst ein? Warum gibt es ängstliche Hunde?
Uwe Friedrich: Es gibt zum einen diffuse Ängste. Das bedeutet, der Hund kann eine Situation oder einen bestimmten Reiz nicht zuordnen und reagiert mit Angstverhalten. Ganz konkret wird es allerdings, wenn das Tier mit bestimmten Reizen, Gegenständen oder auch Menschen schlechte Erfahrungen gemacht hat. Diese Verknüpfungen können im Training jedoch langsam gelöst werden.
TIER.TV: Und wovor fürchten sich ängstliche Hunde konkret?
Uwe Friedrich: Das ist völlig unterschiedlich und reicht von bestimmten Gerüchen über den Tierarzt-Besuch bis hin zu Geräuschen. Verbreitet ist auch die Angst vor Gewittern. Die Tiere nehmen die elektrostatische Aufladung der Luft bereits wahr, während wir uns noch wundern, warum der Hund plötzlich den Schwanz einzieht und sich verkriecht. Oder noch ein Beispiel: Ich habe vor kurzem mit einem Dobermann gearbeitet, der vor Mülltonnen Angst hatte – die Mixtur unterschiedlicher Duftreize war ihm einfach nicht geheuer. Zusammen mit dem Halter haben wir dann Schritt für Schritt sein Neugierverhalten trainiert und ihm vorgemacht, dass diese – aus der Sicht des Hundes – „seltsamen Dinger“ gar nicht gefährlich sind.
TIER.TV: In der dunkleren Jahreszeit stellen viele Halter fest, dass ihr Hund nachts Angst hat – woher kommt das? Die Tiere müssten doch eigentlich an den Tag-Nacht-Wechsel gewöhnt sein...
Uwe Friedrich: Gerade die Angst im Dunkeln steckt oft tief in den Hunden drin, sie ist sozusagen genetisch bedingt. Ein Hund sieht zwar nachts immer noch besser als wir, aber auch seine Wahrnehmung ist eingeschränkt. Die Folge: Er ist viel vorsichtiger als am Tag und fürchtet sich eher. Die Angst im Dunkeln ist aber auch ein gutes Beispiel dafür, dass sich Stimmungen des Halters auf das Tier übertragen – ist der Besitzer nach Anbruch der Dunkelheit selbst angespannt und legt zum Beispiel einen schnelleren Schritt ein oder zeigt Unsicherheit, nimmt der Hund das auf und fühlt sich ebenfalls unwohl.
TIER. TV: Das heißt, vor allem die Kommunikation zwischen Hund und Halter muss stimmen?
Uwe Friedrich: Unbedingt! Der Hund muss jederzeit das Gefühl haben: Mein Mensch ist sicher und souverän. Wenn man es schafft, das zu vermitteln, wird der Hund gelassener.
TIER.TV: Woran erkenne ich überhaupt, ob mein Hund Angst hat? Gibt es typische Anzeichen?
Uwe Friedrich: Ja, deshalb ist es wichtig – Stichwort: Kommunikation! – auf die Körpersprache seines Hundes genau zu achten. Ein ängstlicher Hund „macht sich klein“, er klemmt die Rute ein und legt die Ohren nach hinten. Typisch ist auch ein „Wuff“-Bellen. Weitere Anzeichen sind geweitete Pupillen und die so genannte „Stresszunge“, also eine eingerollte Zunge. In Extremsituationen kann es außerdem zum Absetzen von Urin oder Kot kommen. Aber: Das Tier muss nicht immer alle diese Signale zeigen. Bereits eines dieser Anzeichen sagt mir jedoch, dass das Tier gerade angespannt ist und sich unwohl fühlt.
TIER.TV: Ist ein Hund in einem solchen Zustand überhaupt noch ansprechbar?
Uwe Friedrich: Dazu muss man wissen, dass es grundsätzlich drei Reaktionen auf eine vermeintlich gefährliche Situation gibt: Einfrieren, Flucht oder Angriff. Einfrieren bedeutet, der Hund verharrt auf der Stelle. Gefährlicher sind Flucht oder Angriff. Wenn der Hund panisch davon rennt, kann das schlimme Folgen haben – der Hund muss nur kopflos über die Straße jagen! Angriff ist ebenfalls eine instinktive Reaktion und zeigt sich meist durch Zuschnappen. Wenn ein Tier extrem Angst hat, ist es in der Regel nicht mehr ansprechbar. Aber: Wer genau auf die Signale seines Hundes achtet, muss es nicht so weit kommen lassen.
TIER.TV: Wie verhalte ich mich als Halter, wenn mein Hund Angst hat?
Uwe Friedrich: Man sollte nicht den Fehler machen, das Tier zu trösten. Denn das suggeriert ihm, dass die Situation tatsächlich ernst und gefährlich ist und es steigert sich noch mehr in seine Angst hinein. Auch ein Schonverhalten ist nicht gut. Wenn man das Tier vor allen „Gefahren“ beschützen will, traut es sich selbst immer weniger zu. In einer Angstsituation ist es besser ist, ganz ruhig mit dem Tier zu reden und Kraft und Sicherheit auszustrahlen. Generell ist alles gut, was das Selbstbewusstsein des Hundes stärkt: Also: Dem Tier lösbare Aufgaben und Herausforderungen stellen, es artgerecht beschäftigen und bei Erfolgen ausgiebig loben. So wächst das Selbstvertrauen und das Tier wird insgesamt weniger ängstlich.
TIER.TV: Raketen und Böller sind ja auch typische Angstauslöser. Haben Sie zum Abschluss noch ein paar Tipps, wie man seinem Hund die Silvesternacht angenehmer machen kann?
Uwe Friedrich: Ich würde empfehlen, mit dem Tier am frühen Abend an einen ruhigen Ort zu fahren und einen ausgiebigen Spaziergang zu machen. In der Nacht selbst sollte man mit dem Tier nicht mehr vor die Tür gehen. Auch Hunde, die ansonsten ganz ruhig und entspannt sind, können sich vor Böllern erschrecken und davonlaufen oder zum Angriff übergehen. Von Medikamenten rate ich ab! Beruhigungsmittel führen nämlich dazu, dass der Hund zwar alles mitbekommt, aber nicht mehr reagieren kann – er kann den Stress also gar nicht abbauen. Wenn sich der Hund hinter dem Sofa verkriecht, sollte man ihn auch in Ruhe lassen und nicht ständig locken oder trösten. Außer, er kommt von selbst auf einen zu und verlangt direkte Ansprache. Dann kann man ihm ganz ruhig sagen „Schön, dass du zu mir kommst, bei mir kann dir nichts passieren.“
TIER. TV: Herr Friedrich, vielen Dank für das interessante Gespräch!
Zur Person: Uwe Friedrich gründete 1999 seine erste eigene Hundeschule in Stuttgart und leitet seit 2008 das Hundezentrum TEAMCANIN im Hochschwarzwald. Sein Spezialgebiet ist die Auslastung von Hunden durch Nasenarbeit. Bekannt wurde Uwe Friedrich vor allem durch die Ausbildung von Familienhunden zu Lungenkrebsdiagnostikern. Aber auch seine alltagstauglichen Seminare machen ihn zum gefragten Hundetrainer.
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