Seniorenheim für Hunde
„Auch Hunde kommen in die Jahre“
Der Hundeexperte und Hundetrainer Thomas Baumann hat die Dogworld-Stiftung gegründet. Ziel ist, die Haltebedingungen in Tierheimen zu verbessern. Das verspricht mehr Lebensqualität und erhöht gleichzeitig die Chancen, an neue Halter vermittelt zu werden. TIER.TV sprach mit dem Fachmann über das erste Seniorenheim für Hunde.
TIER.TV: Warum haben Sie die Dogworld-Stiftung gegründet?
Thomas Baumann: Wir unterstützen im Rahmen unserer Arbeit mit schwierigen Hunden bereits seit Jahren verschiedene Tierheime im gesamtdeutschen Raum. Irgendwann entstand daraus die Idee, noch mehr für den Tierschutz in Tierheimen zu leisten. Als beste Möglichkeit erschien uns die Gründung der „Dogworld-Stiftung – Lebenshilfe für verwaiste Hunde“. Erfahrungsgemäß werden Stiftungen von Gönnern und Spendern mehr unterstützt, als wenn man lediglich einen Verband oder Verein gründet.
TIER.TV: Welche Idee steckt dahinter?
Thomas Baumann: Unser Stiftungszweck verfolgt umfassende, sozusagen globale Ziele. Eine Verbesserung der Lebensbedingungen von Tierheimhunden ist Idee und Zielstellung zugleich. Inhaltliche Ziele sind dabei z. B. fachspezifische Schulungen für Tierheimmitarbeiter in eigenen Einrichtungen, die Förderung der Gruppen- und Rudelhaltung, die Erhöhung der Lebensqualität durch intelligente Beschäftigungsmodelle und die Verbesserung der Vermittlungschancen durch Verhaltensanalysen. Eine weitere Idee ist der Aufbau von Hundealtersheimen, um den veränderten Ansprüchen älterer Tiere gerecht zu werden.
TIER.TV: Hunde werden wie wir Menschen immer älter. Ab wann ist ein Hund ein Senior?
Thomas Baumann: Hier orientieren wir uns nicht an dem kalendarischen Lebensalter, sondern an den individuellen, biologischen Alterungsprozessen. Bedenkt man auch in diesem Zusammenhang die Rassezugehörigkeit, so ist eben eine Deutsche Dogge mit ungefähr 6 Jahren im erkennbaren Alterungsprozess, ein Jack Russel Terrier dagegen vielleicht erst mit 15 Jahren.
TIER.TV: Warum ist es Zeit für ein Hunde-Seniorenheim?
Thomas Baumann: In die Jahre gekommene Vierbeiner haben völlig andere Bedürfnisse als jüngere Hunde. Durch die biologische Umstellung des Stoffwechsels verändern sich die Anforderungen bezüglich der Ernährung und selbstverständlich erweitern sich auch die tiermedizinischen Ansprüche. Die Sinnesorgane und die Beweglichkeit lassen nach und letztlich machen viele Tierheime die Erfahrung, dass Alterungsprozesse im normalen Tierheimalltag im Einzelfall rasant beschleunigt werden.
Wir wollen im kommenden Jahr in unserem neuen Objekt das erste Hundealtersheim in Deutschland errichten und die Ausstattung reicht dabei von arthrosegerechten Liegeflächen über physiotherapeutische Betreuung bis hin zu altersgerechten Konzentrations- und Beschäftigungsübungen. Dies auch unter dem Gesichtspunkt, die Vermittelbarkeit solcher Hunde nach Wiederherstellung einer gewissen Fitness zu erleichtern. Hundesenioren – wir haben selbst welche zu Hause – sind besondere „Persönlichkeiten“, denen wir uns einfach verpflichtet fühlen.
TIER.TV: Was bedeutet das Credo „Lebenshilfe für verwaiste Hunde“ konkret?
Thomas Baumann Thomas Baumann: Die Bedeutung ergibt sich aus dem Satz selbst. Tierschutz in Tierheimen ist definitiv Lebenshilfe für Vierbeiner und das Tierheim selbst kann getrost als Waisenhaus für Hunde bezeichnet werden.
TIER.TV: Wie sieht bei Ihnen in der Stiftung ein Arbeitsalltag aus?
Thomas Baumann: Derzeit sind wir durch unseren Umzug in ein neues Objekt extrem belastet und können unsere Stiftungsziele leider nur eingeschränkt wahrnehmen. Wenn wir das meiste geschafft haben geht es wieder los mit Schulungsmaßnahmen, Kooperationsgesprächen mit Tierheimen, Verhaltensanalysen und Vermittlungsgutachten bei schwer vermittelbaren Tierheimhunden. Weiterhin werden wir im kommenden Jahr mit der Errichtung unseres Hundealtersheimes stark eingespannt sein. Sehr froh sind wir darüber, dass wir den renommierten Wissenschaftler Dr. Udo Ganslosser für die Stiftungsidee begeistern konnten. Er unterstützt uns nicht nur durch seine wissenschaftlichen Beiträge, sondern ist auch Mitglied im Stiftungsrat.
TIER.TV: Kann man sich in Ihrer Stiftung ehrenamtlich engagieren?
Thomas Baumann: Auf jeden Fall! Wir werden mit jedem weiteren Jahr unserer Tätigkeit – die Dogworld-Stiftung existiert ja erst seit einem Jahr – immer mehr Mitstreiter und Helfer benötigen, die uns innerhalb der Tierschutzaktivitäten in Tierheimen zur Seite stehen. Es wird sich künftig eine ganze Fülle von Aufgaben ergeben, die meine Frau und ich alleine nicht bewältigen können.
TIER.TV: Wie sehen Sie den Hundealltag in Deutschland in der Zukunft?
Thomas Baumann: Auf jeden Fall kompliziert! Hundeerziehung wird leider mehr und mehr zur „Pseudo-Wissenschaft“. Die Kompliziertheit moderner Methoden und Strategien, denen sich vermehrt die so genannten Wattebäuschchenwerfer bedienen, mögen die Menschen oftmals noch verstehen, die Hunde aber häufig nicht mehr. Wenn Sie bedenken, dass der Großteil aller Tierheimhunde vor allem deshalb im Tierheim sitzt, weil die Erziehung nicht funktioniert hat, dann stimmt das durchaus traurig.
Auf den meisten Hundeschulplätzen wird das wichtigste Element einer harmonischen Mensch-Hund-Beziehung, die soziale Bindung, durch Leckerli oder Spielzeug vom Zweibeiner „erkauft“. Die Parallelen zur Kindererziehung sind dabei unverkennbar und wie neuere Studien belegen, nimmt auch die Zahl verhaltensauffälliger Kinder seit Jahren deutlich zu.
Hundebesitzer geben alles Materielle, um sich selbst zu verlieren. Die Hundeerziehung befindet sich insgesamt derzeit auf einem falschen Weg und produziert in der Tat zunehmend schwierige Hunde. Den Beitrag hierzu leisten die Traditionalisten mit ihren alten Zöpfen genauso, wie die scheinbar Modernen, die unsinniger Weise alle alten Zöpfe abschneiden wollen. Eine gute, dem Individuum angepasste Mixtur wäre der goldene Mittelweg. Und das können leider nur wenige Hundetrainer leisten.
TIER.TV: Herr Baumann, wir danken Ihnen sehr für das Interview!
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