Caracats bald im Handel?

"Outbreeding ist fürchterlich!"

"Outbreeding ist fürchterlich!" © jorbasa - Flickr

Die Katzenexpertin und Zoologin Dr. Mircea Pfleiderer lebt mit Karakalen und anderen Wildtieren in Südafrika. Hier studiert sie für das Karoo Cat Research Centre das Verhalten der Wildkatzen. Im TIER.TV-Interview nimmt sie Stellung zum heiklen Thema Caracats - also Hybridkatzen.

TIER.TV: Sie leben sechs Monate im Jahr in Südafrika. Was machen Sie dort?
Dr. Mircea Pfleiderer: Ich bin Zoologin und beschäftige mich mit dem Verhalten von Katzen. In Südafrika habe ich die Chance, Katzen in freier Wildbahn zu studieren, zum Beispiel den Karakal oder Servale. Auf meiner Farm gibt es außerdem einige Gehege, in dem ich Servale und andere Katzen beobachte.

TIER.TV: Warum halten Sie die Tiere in Gefangenschaft?
Dr. Mircea Pfleiderer: Diese Tiere wurden mir von Farmern gebracht, zum Teil sind es Wildfänge. Karakale gibt es in der Halbwüste Karoo sehr viele und deshalb werden sie von Farmern gejagt. Zum Teil sind es aber auch Tiere, die als Junge von den Menschen aufgezogen, dann aber zu groß und zu wild wurden. Diese Katzen kann man nicht mehr auswildern. Also nehme ich sie auf und studiere ihr Verhalten.

TIER.TV: Warum können handaufgezogene Karakale nicht mehr in die Wildnis entlassen werden?
Dr. Mircea Pfleiderer: Handaufgezogene Karakale sind Tiere, die in einer vom Menschen gestalteten Umwelt aufwachsen. Sie sind für das mitunter sehr harte, gefährliche und konkurrenzreiche Überleben in der freien Wildnis nicht ausgerüstet.

TIER.TV: Was bedeutet es, Wildkatzen im Hause zu halten?
Dr. Mircea Pfleiderer: Zum einen sind manche Wildkatzen Weltmeister im Spritzen. Im Gegensatz zu Hauskatzen suchen sich ausgewachsene Caracats nicht einen bestimmten Ort als Toilette aus. Zum anderen sind ihre Krallen und Zähne ein Risiko für Menschen, Haustiere und die Wohnungseinrichtung.

TIER.TV: Haben Sie das selbst erlebt?
Dr. Mircea Pfleiderer: Ja. Ich habe einige dieser armen Handaufzuchten in meinem Gehege. Ein Karakal-Kater ist sehr verschmust und lieb, aber wenn ihm etwas nicht passt, dann schlägt er zu. Er ist ein tolles Tier, aber man muss höllisch aufpassen. Diese Tiere sind nicht so zahm und zuverlässig wie eine Hauskatze. Mein Mann hat von einem Karakal schon eine tiefe Fleischwunde im Oberschenkel verpasst bekommen. Und mein Mann füttert diese Tiere täglich!

TIER.TV: Nun gibt es in Deutschland und Österreich Pläne, den Karakal beziehungsweise eine Kreuzung zwischen Karakal und Maine Coon als Haustier zu etablieren. Was halten Sie von diesen "Caracats"?
Dr. Mircea Pfleiderer: Ein Wildtier als Haustier zu halten erfordert vom Halter große Investitionen. Meine Tiere in Südafrika leben paarweise in 200 bis 350 Quadratmeter großen Gehegen. Wer hat solche Möglichkeiten in Deutschland? Servale zum Beispiel brauchen außerdem kleinen Teich, um mit Wasser spielen zu können. Ein Folienteich geht schon mal nicht, die Folie ist in fünf Minuten kaputt. Auch lebende Fische sollten gelegentlich ins Wasser, damit Servale diese fangen können. Karakale brauchen Ganzkörperfutter und hin und wieder Lebendfutter in großer Varietät. Wir verfüttern Hühner, Tauben, Strauß (alles mit Federn), Nagetiere, Kaninchen, Klippschliefer, Affen, Reptilien (Schlangen), Antilopen usw. Will die jemand in seinem Garten halten? Und was machen die Besitzer solcher Caracats im Winter? Bei Regen? Viele Katzen der Karoo halten das deutsche Klima gar nicht aus. Die Karoo ist eine Halbwüste mit einer Luftfeuchtigkeit von 30 Prozent und Temperaturen von +45° bis etwa -5°. Ein feucht-kaltes Klima – das ist nichts für die Tiere. Nur ein Unterstand reicht da nicht, die brauchen einen beheizbaren, sehr großen Innenraum.

Karakal TIER.TV: Und was halten Sie von den Plänen, einen Karakal-Kater mit einer Maine Coon-Kätzin zu verpaaren?
Dr. Mircea Pfleiderer: Ganz ehrlich: Outbreeding ist fürchterlich. Das Kreuzen von Wild- mit Haustieren lehne ich grundsätzlich ab. Warum brauchen wir noch mehr Hybride? Wir haben doch schon die Bengalkatze und Savannah. Es reicht.

TIER.TV: Was haben Sie gegen das Outbreeding?
Dr. Mircea Pfleiderer: Zum einen frage ich mich, wer diese Tiere braucht. Es gibt doch genug Rassen. Wer eine wilde Katze beziehungsweise eine Katze im Wildtierlook haben will, kann sich doch schon jetzt zum Beispiel für eine Ägyptische Mau entscheiden. Den einzigen Grund für die Züchtung solcher Caracats, den ich mir vorstellen kann, sind wirtschaftliche Interessen. Es bringt einen Haufen Geld, mit Wildtieren oder den entsprechenden Kreuzungen zu handeln.

TIER.TV: Sehen Sie kein Problem darin, dass der Karakal-Kater größer ist als die Maine Coon-Katze?
Dr. Mircea Pfleiderer: Auf meiner Farm in Südafrika habe ich einen von Hand aufgezogenen Karakalkater und eine Katze im gleichen Alter. Die beiden kennen sich vom ersten Tag an. Diese Katze hat sich von dem Karakal-Kater spielerisch begatten lassen. Also scheint es da keine Probleme zu geben. Zum Glück ist es zu keiner Trächtigkeit gekommen. Ein Karakal-Kater, der die Katze aber nicht vom ersten Lebenstag an kennt, wird die Katze als Beute sehen, sie jagen und töten. Vor allem bei Handaufzuchten gibt es einen großen aufgestauten Jagdtrieb, der hier ein Ventil findet. Denken Sie an den Tigerunfall von Siegfried und Roy. Auch dieser Tiger war zahm und eine Handaufzucht. Als aber Roy stürzte, packte der Tiger ihn und verletzte er ihn schwer. In diesen Momenten schaltet sich bei der Katze ein Teil des Gehirns aus und das Tier handelt nur noch instinktiv. Danach sind sie wieder lammfromm.

TIER.TV: Und wenn es zu einer Trächtigkeit kommt, sehen Sie da Probleme?
Dr. Mircea Pfleiderer: Die Tragezeit von Karakal und Hauskatze sind zwar ziemlich gleich, wegen des Größenunterschieds müssen die Jungen sicher per Kaiserschnitt geholt werden – da fängt für mich die Tierquälerei schon an. Ein neugeborener Karakal ist drei bis vier Mal schwerer als eine Hauskatze. Große Hauskatzen, auch die Maine Coons, haben später starke Wachstumsschübe. Wie soll das auf natürlichem Weg gehen? Mir kommt da das Grausen.

TIER.TV: Nun heißt es aber, die Kreuzung des Karakals mit der Maine Coon zur Caracat und das Halten eines Karakals in Europa diene der Arterhaltung.
Dr. Mircea Pfleiderer: Karakale züchten zwecks Arterhaltung? Das ist doch totaler Blödsinn. Wenn es den Bedarf einer Erhaltungszucht gebe, dann gehört diese in die Hand von Fachleuten, also Zoos mit einem wissenschaftlichen Programm, aber keinesfalls in die Hände von Privatleuten. Zum anderen ist der Karakal keine massiv bedrohte Art. Selbstverständlich sollte jedes Tier erhalten werden, aber die Karakale sind zum einen recht fruchtbar und werden in Südafrika, wie schon gesagt, eher als Schädlinge betrachtet.

Zur Person: Dr. Mircea Pfleiderer hat in Innsbruck Zoologie und Entomolgie studiert. Sie war langjährige Assistentin von Professor Dr. Paul Leyhausen, einem der bekanntesten Katzenforscher. Sie lebt mit Wildkatzen auf einer Farm in Südafrika und mit Hauskatzen auf einem Bauernhof im Allgäu. Weitere Informationen zu ihrer Arbeit gibt es bei Karoo Cat Research.

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