Interview mit Michael Bolte

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Michael Bolte bei der Arbeit © Dietmar im Spring

Exklusiv für TIER.TV, Michael Bolte im Gespräch mit Carolin Schulz-Osterloh, Journalistin und Autorin für die Bereiche Wissen, Hund und Lifestyle.

In Deutschland gibt es rund 5,3 Millionen Hunde. Knapp 10 Millionen Deutsche leben demnach in einem Haushalt mit Hund, darüber hinaus gibt es viele Hundebegeisterte ohne eigenen Vierbeiner. Entsprechend groß ist der Markt an Angeboten und Dienstleistungen rund um das Thema Hund. In Deutschland gibt es nicht nur 765 Hundeschulen mit den unterschiedlichsten Kursen von Welpenspielgruppen bis zum Hundeführerschein, sondern auch noch jede Menge Angebote zur Verhaltenstherapie, Ernährungsberatung und Freizeitbeschäftigung wie Agility, Obedience oder Dog Dancing. Dazu kommt noch eine Vielzahl an Fachbüchern und Hundezeitschriften.

Herr Bolte, es gab noch nie so viele Angebote und Informationsquellen im Bezug auf Hunde und deren Erziehung wie heute. Sollten bei diesem Angebot Probleme mit dem Hund nicht schon längst der Vergangenheit angehören?

Michael Bolte: Aufgrund der Fülle an Angeboten und Ansprechpartnern sollte man tatsächlich meinen, dass Verhaltensauffälligkeiten und Erziehungsprobleme keine Rolle mehr spielen. Dem ist leider nicht so. Ein Beispiel: Der Deutsche Städtetag geht von etwa 30.000 Zwischenfällen im Jahr aus, bei denen entweder ein Mensch oder ein anderer Hund durch einen Hund verletzt werden. Ganz abgesehen von unzähligen kleinen oder großen Problemen, die im Zusammenleben nerven oder die Hundehalter teilweise auch bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit bringen. 

Das klingt ja ernüchternd  – also gibt es heute immer noch viele Probleme. Werden die umfangreichen Angebote zur Hundeerziehung denn immer noch von zu wenigen Menschen genutzt?

 Michael Bolte: Ganz im Gegenteil – kaum ein Hundehalter geht heutzutage nicht in die Hundeschule oder informiert sich zumindest anderweitig über das Thema Hundeerziehung. Trotzdem entstehen noch viele Verhaltensauffälligkeiten wie Angstprobleme, aggressives Verhalten, Phobien, anhaltendes Gebell, Stereotypien, Streunen oder Jagdverhalten, bei denen der Leidensdruck bei Mensch und Tier hoch ist. Die Hundehalter befolgen gewissenhaft diverse Tipps und Ratschläge. Sie scheuen heute in der Regel keine Kosten und Mühen –  leider Gottes klappt es trotzdem oft nicht mit der „Hundeerziehung“. Ein sehr frustrierendes Gefühl!

Woran liegt es dann, dass die Bemühungen oft keinen Erfolg haben? Bedeutet das denn, dass dieser immense Markt an Hilfsangeboten gar nicht hilfreich ist? 

Michael Bolte: Das Grundproblem besteht darin, dass es so etwas wie einen „Fehler im System“ gibt. Schauen wir doch mal genau hin: Zum einen ist das gängige Hundewissen bei näherer Betrachtung eine bunte Mischung aus veralteten Dogmen, unfundierten Methoden und zusammengewürfelten Halbwahrheiten. Egal, ob die Ratschläge aus der Fraktion „Chef-sein“ oder der Abteilung „Leckerchen“ kommen – wenig, was propagiert wird, hat tatsächlich „Hand und Fuß“ und vor allem machen die Ratschläge oft mehr kaputt als sie nutzen. Zum anderen denkt man immer noch, Kommandos in der Hundeschule zu lernen ist gleich Erziehung. Dem ist aber logischerweise nicht so. Erziehung ist vor allem auch umsichtiges Einflussnehmen auf die Entwicklung des Wesens und des Verhaltens des Hundes. Und zwar unter der Berücksichtigung der Individualität des Hundes und seiner persönlichen Umwelt. Der Aufbau und die Struktur einer klassischen Hundeschule – der eben auf das Üben von Befehlen ausgelegt ist – kann das verständlicherweise oft nicht in ausreichendem Maße leisten. 

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Aber wie kann es passieren, dass solche veralteten Erziehungsmethoden dann immer noch weiterhin gelehrt und verbreitet werden? 

Michael Bolte: Empathie, Gesunder Menschenverstand und Vernunft sind die neuen Qualitäten in der Hundeerziehung! Mir ist es ein Rätsel, dass es immer noch Menschen gibt, die sich – entgegen besserem Wissen – partout dagegen wehren. 

Empathie, gesunder Menschenverstand und Vernunft gehören für Sie also zu einer qualitativ hochwertigen Hundeerziehung dazu. Wie sollte diese aus Ihrer Sicht sonst noch aussehen?

Michael Bolte: Sie muss zeitgemäß sein! Viele Aspekte der gängigen Hundeerziehung erfüllen die heutigen Bedürfnisse von Hunden und ihren Haltern nicht mehr und führen zu einer Grundverunsicherung von Mensch und Tier. Doch der Hund muss den vielen Ansprüchen unserer Welt gerecht werden, weshalb er tatsächlich eine angemessene Erziehung benötigt. Aber Erziehung ist nun einmal komplex und weit mehr als nur das Ausführen von Befehlen und Kommandos. Was fehlt, ist also eine verlässliche Richtlinie für eine Erziehung, die auf ein fundiertes, pädagogisches Konzept zurückgreift und Hund und Halter hilft, den Alltag zu bestreiten.

Damit kommen wir auch schon zu Ihrer Arbeit. Vermutlich haben sie so ein zeitgemäßes Konzept?

Michael Bolte: Ich behaupte: Ja! Ich habe ein derartiges Konzept in Zusammenarbeit mit der Verhaltensforschung und der Neurowissenschaft erarbeitet, welches zeitgleich von mir in der praktischen Arbeit mit Hunden überprüft worden ist. Das Zusammenspiel von Theorie und Praxis hat dabei eine kontinuierliche Weiterentwicklung und eine optimale Anpassung an praxisrelevante Fragestellungen ermöglicht.

Die Wissenschaft spielt also eine wichtige Rolle bei Ihrem Konzept der Hundeerziehung?

Michael Bolte: Definitiv. Während die Verhaltensforschung hilft, Biologie, Sprache und Verhalten des Hundes zu verstehen und in ein Erziehungskonzept zu integrieren, liefern die Neurowissenschaften ein Verständnis für die Ursachen und Mechanismen endogener Prozesse. Die Berücksichtigung neurobiologischer Erkenntnisse, wie beispielsweise der Struktur und Funktion von Nervensystemen, der zentralnervösen Steuerung von Verhaltensweisen und der Wirkungsweise endokriner Regelkreise, ermöglicht dabei eine umfassende Einordnung unerwünschter „Verhaltensprobleme“, die dann zielgenau in ein präventiv-orientiertes Konzept eingebettet werden oder als Ursachen behandelt werden können. Ziel sollte also sein, nicht nur Symptome, sondern vor allem auch Ursachen zu behandeln und ein Erziehungskonzept zu entwerfen, das wissenschaftliche Erkenntnisse nutzt, diese in die Praxis übersetzt und den Hundehaltern anschaulich und nachvollziehbar vermittelt. 

Das klingt ja ganz schön kompliziert. Braucht der moderne Hundehalter für ein Training bei Ihnen mindestens einen Studienabschluss, um Ihr Konzept auch zu verstehen?

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Michael Bolte: Nein, natürlich nicht. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind neben meiner jahrelangen tagtäglich praktischen Erfahrung das Fundament, der Background,  meiner Arbeit. Das heißt natürlich nicht, dass meine Kunden sich damit auseinandersetzen müssen. Meine Kunden spüren und erleben nur das Ergebnis. Und das sieht so aus, dass ich durch mein Hintergrundwissen eben in der Lage bin, individuell auf die Kunden und ihre Hunde einzugehen, effektive und nachhaltige Ergebnisse zu erzielen, Problementwicklungen schon im Keim entgegenzuwirken und vor allem komplett auf Druck, Zwang, Kontrolle und Schmerzen zu verzichten.  

Es ist schon beeindruckend , dass die zeitgemäßen interdisziplinären Erkenntnisse aus den Bereichen Verhaltensbiologie, Neurophysiologie und Neurobiologie spannende Fakten liefern, die gut und einfach in ein praktikables Erziehungskonzept eben auch für Hunde umgesetzt werden können. Das daraus entstehende Konzept ist präventiv, effektiv und intuitiv und wird dem Wesen des Hundes und den Wünschen der Halter in allen Belangen gerecht. Am erstaunlichsten ist jedoch die Erkenntnis, dass gerade oft zitierte „Binsenweisheiten“ und Dogmen in der „Hundeszene“ sich als falsch und manchmal sogar gefährlich kontraproduktiv herausstellen. 

Können Sie ein konkretes Beispiel dafür nennen?  

Michael Bolte: Es gibt beispielsweise eine Art Dogma in der Hundeerziehung, das in nahezu allen Hundeerziehungsbüchern zu finden ist und in den meisten Hundeschulen gelehrt wird: „Der Hund muss mehr ausgelastet werden.“ Tatsächlich liefern uns Endokrinologie und Neurowissenschaft starke Hinweise darauf, dass die Idee des Ständig-beschäftigt-sein-Müssens sogar eher Ursache als Therapie für viele Verhaltensprobleme ist. Weil die Grenzen zwischen Eustress (positivem Stress) und Distress (negativem Stress) fließend sind, kann eine „Beschäftigungstherapie“ leicht zu einer „Überbeschäftigung“ führen, die die Entwicklung einer Stresssymptomatik begünstigt. Typischerweise auftretende Stressanzeichen wie Anspringen, Hyperaktivität, Bellen, mangelnde Impulskontrolle, schlechte Konzentration, Aggression, in die Leine beißen, Nervosität und Unruhe werden dann fälschlicherweise als weitere Anzeichen einer Unterforderung ausgelegt und statt einer Aktivitätsreduktion wird eine weitere Aktivitätsförderung angeraten.

Das hört sich sehr interessant an. Werden vor diesem Hintergrund noch andere Dinge klar?

Michael Bolte: Vieles in der Hundeszene macht vor dem Hintergrund neurobiologischer Erkenntnisse plötzlich keinen Sinn mehr und sollte neu reflektiert und umstrukturiert werden. Durch ein grundsätzliches Umdenken und einen veränderten Blick auf Erziehungsfragen wird plötzlich begreiflich, warum beispielsweise Rangordnungsdenken getrost vergessen werden kann. Oder nicht nur in „Befehlen“ mit dem Hund gesprochen werden sollte, ebenso wie Druck und Schmerzen kontraproduktiv sind. Aber auch die ständige Gabe von Leckerchen.

Was können Hundehalter also von einem Training bei Ihnen erwarten?

Michael Bolte: Statt gängige Dogmen schablonenhaft auf alle Probleme anzuwenden, steht hier das Verständnis für das Lebewesen selbst im Vordergrund, das – wie wir selbst – sensibel auf seine Umwelt reagiert und durch individuelle Lebenserfahrungen geprägt wird. Ursachen für Probleme können erkannt und Trainingspläne individuell erarbeitet werden. So können sich nicht nur Welpen zu ausgeglichenen und zuverlässigen Hunden entwickeln, sondern auch „Härtefälle“ und „Problemhunde“ neue Souveränität entwickeln. Wenn dann alle Beteiligten noch Spaß und Freude daran haben, habe ich meinen Job richtig gemacht. 

Michael, wir danken für dieses intensive und sehr informative Gespräch.

Dietmar im Spring: Fotoshooting mit Hundetrainer Michael Bolte

Kontakt zu Michael Bolte:

Telefon: +49 152 34167087
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