Hundeführerschein

Unnötig oder sinnvoll?

Unnötig oder sinnvoll? © flickr, Matt McGee

Reizthema Hundeführerschein. Die einen halten den Nachweis für absolut notwendig. Andere meinen: zu viel Bürokratie, die niemand kontrollieren kann.

sprach mit der Dogwalkerin, Hundetrainerin und Tierpsychologin Sabine Hulsebosch.

Sie empfehlen die Einführung eines Hundeführerscheins. Aber es gibt doch schon den Sachkundenachweis für Hundehalter?

Sabine Hulsebosch: Der Sachkundenachweis fragt kaum relevante Kenntnisse über die Haltung des Hundes ab. Fragen, wie lange eine Hündin trächtig ist oder welche Züchtungen das Tierschutzgesetz nach §11 in Bezug auf vererbbare Krankheiten verbietet, helfen dem frisch gebackenen Hundehalter nicht, seinen Hund und dessen Bedürfnisse besser kennen zu lernen um ihn entsprechend zu führen. So könnte der Hundeführerschein wichtige Inhalte wie Beute- und Jagdtrieb und die Bedeutung der verschiedenen Ressourcen wie Nahrung und Zuwendung thematisieren. Daneben gilt es, die Halter auf mögliche Gefahren in Bezug auf Kinder in Zusammenhang mit Hunden zu sensibilisieren. Über 80 Prozent aller Beißvorfälle finden innerhalb der Familie statt. Opfer sind in den meisten Fällen Kinder.

Für wen ist der Hundeführerschein gedacht?

Sabine Hulsebosch: Die Prüfung zum Hundeführerschein sollte von allen zukünftigen Hundehaltern absolviert werden, sowohl unerfahrenen wie erfahrenen. Ein erfahrener Hundehalter ist nicht zwingend ein besserer oder verantwortungsvollerer Hundehalter als der Einsteiger, der sich vorab gut informiert. Ziel ist die bessere Kontrollierbarkeit des Hundes durch die Einübung und Festigung des Grundgehorsams. Situationen wie Joggern oder Kindern nachsetzen darf es nicht geben. Ebenso gilt es, Wild und andere freilebende Tiere vor Hunden und deren möglichem Jagdtrieb zu schützen. Profitieren wird aber nicht zuletzt auch das Mensch-Hund-Team, indem beide durch die gemeinsame Arbeit das miteinander Kommunizieren lernen. Ein Hund kann sich unterwegs auf die sichere Führung durch seinen Halter verlassen, wenn dieser weiß, wie er sich in alltäglichen und schwierigen Situationen verhalten muss.

Wie könnte die Prüfung aussehen?

Sabine Hulsebosch: Der Umgang mit dem eigenen Hund wird beim Sachkundenachweis völlig außer Acht gelassen. Die Prüfung zum Hundeführerschein wird aus zwei Teilen bestehen, wobei neben der Theorie der praktische Anteil überwiegt. Letzterer besteht aus dem Besuch bei einer zertifizierten Hundeschule mit dem neu erworbenen Welpen oder Hund. Hier erhält der Halter wichtige Hinweise, die ihn befähigen, seinen Hund artgerecht und sicher zu führen. Der Kurs sollte mindestens zehn praktische Übungsstunden umfassen. Der Besuch von integrierten Theorieveranstaltungen, die ergänzend wichtige Hintergrundinformationen liefern, ist dabei obligatorisch. Abgeschlossen wird der praktische Kurs mit einer Prüfung in der Gruppe. Augenmerk liegt hier auf die Kontrollierbarkeit des jeweiligen Hundes durch seinen Halter, speziell der Rückruf sollte zuverlässig ausgeführt werden. Der theoretische Teil erfolgt beim Ordnungsamt oder beim Tierarzt.

Was hat der Inhaber dann gelernt?

Sabine Hulsebosch: Der zukünftige Hundebesitzer sollte mögliche Gefahren und Konfliktsituationen benennen und Lösungswege, beziehungsweise Maßnahmen zur Konfliktbewältigung aufzeigen können. Die Frage nach der richtigen, artgerechten Haltung und Erziehung des Hundes sollten Hauptbestandteil theoretischer Fragen sein. Kenntnisse über die Bedürfnisse des Hundes sollten nachweisbar vorhanden sein. Die artgerechte Haltung verhindert in vielen Fällen Konflikte zwischen Tier und Mensch. Daneben gilt es, den Halter über Anzeichen von ernsten Erkrankungen, Erste-Hilfe-Maßnahmen beim Hund sowie über rechtliche Belange aufzuklären. Dazu gehört auch das Wissen darüber, wo mein Hund unangeleint ausgeführt werden darf, wohin mit dem Hundekot und so weiter. Die praktische Prüfung findet in Begleitung des zertifizierten Hundetrainers statt. Hierfür werden gezielt ablenkungsreiche und potenziell kritische Orte wie Parks, belebte Straßen und Wildparks aufgesucht. Vor Ort kann der Halter zeigen, ob er seinen Hund auch unter großer Ablenkung an seinem Menschen orientiert führen kann. Das bedeutet Sicherheit für die Umwelt und den Hund. Bei Abschluss des Kurses sollte der Hund mindestens sechs Monate alt sein. Ein früherer Zeitpunkt würde den jüngeren Hund überfordern und kein repräsentatives Prüfungsergebnis liefern.

Wo sehen Sie Probleme?

Sabine Hulsebosch: Probleme sehe ich in der Kontrolle. Erfahrungen zeigen, dass Vorschriften nur dann befolgt werden, wenn bei Verstoß Sanktionen drohen. Das bedeutet, der Hundeführerschein muss wie der Autoführerschein für das Autofahren gesetzliche Voraussetzung sein, einen Hund in Deutschland führen zu dürfen. Wird ein Hundebesitzer ohne Hundeführerschein angetroffen, muss dies als Strafbestand mit einer Geldbuße geahndet werden. Die Einführung des Hundeführerscheins bei derzeit 5,6 Millionen Hunden in Deutschland wird nur in kleinen realisierbaren Schritten umsetzbar sein. Gemeinsam mit den zuständigen Ämtern in den Städten und Gemeinden müsste ein praktikabler Weg erarbeitet werden.

Damit wäre diese Prüfung für alle ab einem Stichtag neu gemeldeten Hundehalter Pflicht?

Sabine Hulsebosch: Grundsätzlich ist der Nachweis über den erfolgreich bestandenen Hundeführerschein der richtige Weg, zukünftige Halter darüber aufzuklären, was es bedeutet, einen Hund für zehn bis 15 Jahre aufzunehmen. Überlegungen vor dem Hundekauf kommen uns allen – und nicht zuletzt den Hunden – zugute.

Das Gespräch führte Regina Matthes.

TIER.TV


Alle ArtikelAlle Artikel von