Leben im Rudel – 17 Sibirische Huskys als Schlittenhunde

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Sibirische Huskys © Nature Trails GmbH

Andrea Hentschel, Musherin bei Nature Trails, gibt einen Einblick ins Leben mit Sibirischen Huskys.

Andrea, wieviel Hunde habt ihr aktuell?

Wir leben und arbeiten mit einem Rudel bestehend aus 17 Sibirischen Huskys. Viele sagen an dieser Stelle „woah, wie cool, würde ich auch gern“, andere wiederum erkennen schnell, dass dies toller Wildnis-Abenteuer-Romantik nur im Entferntesten ähnelt.

Aber wie kommt man dazu? Es ist ja nicht unbedingt ein übliches Hobby?

Es begann alles mit dem Film „Snow Dogs – 8 Helden auf 4 Pfoten“. Obwohl dieser Film mit Huskys zu tun hat, ist dieser eher für Unterhaltungszwecke geeignet als für Wissensweitergabe. Ein Aspekt kam aber gut zur Geltung: Huskys sind sehr eigen, schwer zu erziehen, stur-köpfig, frech, aber niemals bösartig. Und so führte dieser Film dazu, dass sich unser Hobby „Schlittenhunde“ manifestierte. Nach Lektüre von Büchern, Dokumentationen und Gesprächen mit Husky-Besitzern wurde sehr schnell ein Gehege gebaut, ein Wagen samt Zubehör besorgt und dann fehlten nur noch die Vierbeiner.

Wie habt ihr angefangen?

Da viele Menschen sich Huskys zulegen ohne vorher zu überlegen, was sie da tun, war sehr schnell klar, dass wir Hunden ein zu Hause geben wollten, die kein anderer mehr mochte. So kamen über einen Zeitraum von 9 Monaten insgesamt 5 Huskys aus ganz Deutschland zu uns. Diese 5 sollten unser kleines Gespann abgeben und es funktionierte eigentlich ziemlich gut. Brisko war der perfekte Leithund, Laila die kleine Chefin, Arko das totale Energiebündel, Mike der Chillige und Conan der Große.

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Sibirische Huskys © Nature Trails GmbH

Das hört sich überschaubar an. Aber es ging weiter, oder?

Nur wie so oft im Leben kam alles ein wenig anders als gedacht. Laila wurde läufig. Gefahr erkannt, Laila schön von den Rüden getrennt und ins Haus genommen. Nur passierte hier der Anfängerfehler: die Läufigkeit beginnt mit der Blutung und wenn diese vorbei ist, sind die eigentlich empfangs- bereiten Tage, nur haben wir sie gleich nach der Blutung wieder frohen Mutes zu den Rüden gelassen. Tja, so hatten wir nach 2 Monaten 10 Hunde im Gehege sitzen…
Da wir die Erfahrung gemacht hatten, dass die meisten Welpen nach ihrer süßen Knuddelzeit ziemlich schnell wieder abgegeben werden, kam ein Verkauf nicht in Frage. Also blieben alle Hunde bei uns und das Gespann wurde größer. Wir lernten schnell, dass 10 Hunde ein ganz anderes Kaliber darstellten als nur 5 und viele Tricks und Kniffe, mit so vielen Huskys klar zu kommen, haben wir Mushern aus Alaska und Kanada zu verdanken. Sebastian Schnülle war einer davon, der in Sachen Schlittenhundeerziehung ein absolutes Vorbild für uns darstellt.

Zur der Zeit war es noch ein Hobby?

Bald merkten wir, dass man nebenberuflich schlecht 10 Hunde glücklich machen kann und da immer mehr Anfragen kamen, ob wir nicht Schlittenhundefahrten für Leute anbieten können, war die Idee geboren, uns damit selbstständig zu machen. Gesagt, getan. Nach und nach kamen immer mehr Ideen hinzu, von Husky-Kindergeburtstagen über Husky-Wanderungen bis hin zu Husky- Teamentwicklungsevents. Unser Ziel ist es, den Menschen die Natur wieder ein Stück näher zu bringen und das klappt mit dieser Hunderasse ziemlich gut.

Was macht den Sibirischen Huskys besonders?

Siberian Huskys sind noch sehr ursprünglich. D.h. nicht nur von der Anatomie her noch sehr robust und bei guter Haltung und guter Ernährung so gut wie nie krank, sondern auch vom Charakter sehr wesensfest und stolz. Er will arbeiten, da für ihn arbeiten nichts Negatives ist, sondern Freude, eine Aufgabe zu haben und diese als Team umzusetzen.
Daher halten wir unsere Hunde auch im Rudel. Dies entspricht ihrem Naturell. Sie haben sehr schnell eine Rang-Hierarchie entwickelt, die genau regelt, wer seine Position wo inne hat. Man muss sich nur mal eine Stunde ins Gehege setzen, um die feine Körpersprache, die tiefen Freundschaften und kleinen Schabereien zu beobachten.
Jeder Hund in unserem, nun mittlerweile auf 17 Tiere angewachsenes, Rudel hat seinen eigenen ausgeprägten Charakter. Es gibt die Außenseiter, die Streber, die Machos, die Zicken, die Lieben&Netten, die Chaoten, die Schüchternen und auch die Beziehungen unter den Hunden sind ganz verschieden. Die Aufzucht der Jungtiere (was wir sehr selten machen, da wir alle Welpen behalten), lassen wir die Hunde ganz allein ausüben. Die ganze Sippe kümmert sich um die Kleinen und so wachsen sie zu total gut sozialisierten Vierbeinern heran.

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Sibirische Huskys © Nature Trails GmbH

Wieviel Zeit beansprucht es die Hunde auszulasten?

Die meiste Zeit braucht das Training der Schlittenhunde. Wir haben meist 12 Hunde im Gespann, d.h. jeder Husky kann rein theoretisch das 9fache seines eigenen Körpergewichts ziehen, somit knapp 3 Tonnen Zugkraft auf der Leine. Diese Zug-Power kann ich nur durch meine Stimme steuern, unsere Wägen haben zwar super Bremsen, sind aber ein Spielzeug wenn die Hunde wirklich irgendwo hin wollen. Deswegen sind neben den Richtungskommandos vor allem die Kommandos „Halt“ und „Langsam“ bei uns entscheidend. Sonst wird’s gefährlich.

Im Sommer trainieren wir meist nachts oder frühmorgens, wenn es noch schön kühl ist. Viele denken dann gleich, dass Huskys ja die wärmere Jahreszeit doof finden, dies ist aber ein Vorurteil. In ihrem Ursprungsland Sibirien wird es im Sommer auch bis zu 40 °C, also richtig heiß. Daher sind’s die Hunde gewöhnt. Sie werden sehr viel Winter-Unterwolle aus und sind einfach viel ruhiger als im Winter. Ähnlich auch wie bei uns: wer geht schon bei 30 Grad in der Sonne freiwillig joggen? Im Sommer ist tagsüber daher viel dösen und ein wenig wandern und schwimmen angesagt.
Anders im Winter: Wir trainieren auf Ausdauer und Langstrecke, daher sind die Hunde normalerweise sehr ausgeglichen und zufrieden. Bei Minusgraden allerdings sind die Huskys kaum müde zu bekommen. Da sind 30 oder 40 km am Tag nur zum Warmlaufen gedacht. Unsere längste zurückgelegte Strecke war 110 km am Stück, d.h. 11 Stunden Training an einem Tag. Das schwächste Mitglied in so einem Team ist der Mensch hinten drauf. Du musst dich die ganze Zeit konzentrieren: brauchen die Hunde Wasser oder etwas zu Essen, wo ist eigentlich der Weg, kommen andere Leute oder Hunde, mir ist kalt, braucht der Leithund eine Ablösung, usw. …

Was bedeutet es für einen selber?

Ein Rudel bedeutet 365 Tage im Jahr Aufmerksamkeit und Arbeit. Urlaub ist da schwierig. Es ist nicht nur körperlich ein knallharter Job, auch psychisch testen sich die Hunde gern mal bei dir aus. Manche Hunde haben es sich zur Hauptaufgabe erkoren, dich jeden Tag aufs Neue auf die Palme zu bringen. Du musst dich als fähiger Trainer immer wieder beweisen. D.h. ganz klipp und klar an dir arbeiten: sei fair, lobe dein Team, aber sei auch konsequent und lass dich bei deinem Team so oft wie möglich blicken. Wenn man bereit ist, von den Tieren zu lernen, kann man immer wieder seine eigene Persönlichkeit voran bringen und ausfeilen.

Andrea Hentschel mir ihren Hunden

Andrea Hentschel mir ihren Hunden © Nature Trails GmbH

Im Großen und Ganzen lernen auch wir immer noch dazu. Jeder Hund ist anders, erfordert andere Erziehung, und all diese Charaktere musst du als Team zusammen führen können. Das Ergebnis ist das Schöne: wenn du im Einklang mit deinen Vierbeinern nach einem langen Trainingslauf im Gehege sitzt und einfach nur die Anwesenheit dieser total verkuschelten Hunde genießt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Weitere Infos zum Thema Huskys und Schlittenhunde gibt es auch auf Nature Trails.

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